Die Geschichte vom kleinen Spiegel und …
Der kleine Spiegel
Eine Frau stand morgens vor ihrem Spiegel und betrachtete sich kritisch. „Zu müde“, dachte sie. „Die Haare sitzen nicht.“ „Und diese Augenringe …“
Sie ging in die Küche und machte sich einen Kaffee. Dort lag ein kleiner, alter Spiegel auf dem Tisch. Den hatte ihr einmal ihre Oma geschenkt. Der Rahmen war an einer Stelle abgeplatzt, das Glas hatte einen kleinen blinden Fleck. Die Frau nahm ihn in die Hand und wollte ihn gerade weglegen. Da musste sie lächeln. „Dich würde ich auch nicht mehr als besonders schön bezeichnen“, sagte sie leise zu dem Spiegel. Und plötzlich dachte sie: Was wäre, wenn ein Spiegel seinen Wert danach beurteilen würde, wie schön das Bild ist, das er gerade zeigt?
Dann wäre dieser kleine Spiegel an einem Tag wertvoll und am nächsten wertlos. Er würde sich freuen, wenn ein schönes Gesicht vor ihm stünde. Und sich schämen, wenn jemand müde oder traurig hineinschaute. Aber der Spiegel kann nichts dafür, welches Gesicht vor ihm steht. Und vielleicht ist es bei uns Menschen ganz ähnlich. Wir verbringen so viel Zeit damit, unseren Wert an Dingen festzumachen:
Bin ich erfolgreich? Bin ich attraktiv? Bin ich eine gute Mutter oder ein guter Vater? Bin ich eine gute Partnerin oder guter Partner? Werde ich gebraucht? Was denken die anderen über mich? Habe ich genug geleistet?
Dabei vergessen wir etwas ganz Entscheidendes: Unser Wert ist nicht das Ergebnis unserer Leistungen. Wir sind nicht mehr wert, wenn uns jemand lobt. Und wir sind nicht weniger wert, wenn uns jemand ablehnt. Wir verlieren unseren Wert nicht, wenn eine Beziehung zerbricht, ein Fehler passiert oder wir gerade nicht wissen, wie es weitergeht. Vielleicht bedeutet Selbstwert deshalb nicht, sich jeden Morgen vor den Spiegel zu stellen und zu sagen: „Ich bin großartig!“
Vielleicht bedeutet Selbstwert viel mehr, sich selbst auch dann freundlich anzusehen, wenn man gerade nicht großartig findet, was man sieht.
- Wenn man traurig ist.
- Wenn man einen Fehler gemacht hat.
- Wenn man nicht genügt hat – für die Erwartungen anderer oder die eigenen.
Vielleicht beginnt Selbstwert genau dort: Ich muss meinen Wert nicht beweisen. Ich darf ihn voraussetzen. So wie der kleine alte Spiegel auf dem Tisch. Er muss nichts leisten, um ein Spiegel zu sein. Und wir müssen nichts leisten, um wertvoll zu sein.
Woher kommt eigentlich mein Bild von mir selbst?
Wenn wir über Selbstwert sprechen, lohnt sich deshalb ein Blick zurück, denn unser Bild von uns selbst entsteht nicht im luftleeren Raum. Als Kinder lernen wir sehr früh, wie wir uns selbst betrachten. Durch die Augen der Menschen, die uns nahestehen.
Ein Kind, das häufig hört:
- „Das kannst du aber gut.“
- „Ich bin stolz auf dich.“
- „Du darfst Fehler machen.“
- „Ich sehe, wie sehr du dich bemühst.“
entwickelt vielleicht leichter das Gefühl: Ich bin in Ordnung. Ich darf sein, wie ich bin.
Aber auch andere Botschaften können sich tief in uns festsetzen:
- „Sei nicht so empfindlich.“
- „Das ist doch nicht so schlimm.“
- „Warum kannst du nicht einmal …?“
- „Du bist immer so …“
- „Aus dir wird nie etwas.“
Manchmal sind es gar nicht die großen Sätze. Manchmal sind es Blicke, Vergleiche, Erwartungen oder das Gefühl, mit den eigenen Bedürfnissen keinen richtigen Platz zu haben. Und so tragen viele von uns später einen inneren Spiegel mit sich herum, den andere in unserer Kindheit mitgeprägt haben. Wir schauen hinein und sehen vielleicht noch immer das Kind, das gefallen wollte.
- Das Kind, das besonders brav sein musste.
- Das Kind, das gelernt hat, sich zurückzunehmen.
- Das Kind, das glaubte, nur dann liebenswert zu sein, wenn es etwas leistet, hilft oder es allen recht macht.
Doch wir sind heute nicht mehr dieses Kind. Und vielleicht liegt genau darin eine große Chance. Wir können beginnen, unseren inneren Spiegel zu überprüfen.
Ist das noch meine Überzeugung oder ist es eine alte Botschaft, die ich irgendwann übernommen habe?
Was würde ich heute über mich denken, wenn ich mich nicht mehr durch die Augen meiner Vergangenheit betrachten müsste? Und vielleicht dürfen wir irgendwann sagen:
Ich bin nicht das, was andere in mir gesehen haben.
Ich bin auch nicht meine Fehler, meine Leistungen oder die Erwartungen, die an mich gestellt wurden.
Ich bin ich. Und das darf genügen.
Genau hier beginnt für mich ein wichtiger Teil systemischer Arbeit: Wir schauen nicht nur darauf, was heute schwierig ist. Wir schauen auch darauf, woher manche inneren Überzeugungen kommen, welche Geschichten uns geprägt haben und welche davon wir vielleicht gar nicht mehr weitertragen möchten. Denn manchmal müssen wir unseren Selbstwert nicht neu erfinden. Vielleicht müssen wir nur beginnen, ihn von all dem zu befreien, was nie wirklich zu uns gehört hat. Welche Sätze über dich selbst trägst du heute noch in dir, obwohl sie vielleicht gar nicht deine eigenen sind?

